Was Führung vom Bergführer bei Schlechtwetter lernen kann

Management allein reicht nicht mehr
Angesichts der Veränderungen in der Gesellschaft reicht es nicht mehr aus, allein zu „managen“. Management im klassischen Sinne befasst sich mit betriebswirtschaftlicher Logik, mit effizienten Abläufen, mit dem Optimieren von Prozessen. Die Organisation der Zukunft wird jedoch eher, wie Dirk Baecker etwas provokant feststellt, nach sozialwissenschaftlichen denn betriebswirtschaftlichen Kriterien zu führen sein.

Sicher, auch künftig kommt ein Unternehmen ohne gutes Management nicht aus. Doch das genügt nicht mehr, wenn Sie ein Unternehmen erfolgreich durch ein komplexes und unvorhersehbares Umfeld navigieren möchten – oder wenn Sie erfolgreich in einer Organisationswelt agieren möchten, die einem fluiden, kaum beherrschbaren System gleicht. Hierfür benötigen Sie ein erweitertes und verändertes Führungsverständnis. Das Gewicht verlagert sich von einer stehr starken personenzentrierten Sicht auf eine Führung in Führungs- und Managementteams. Führung wird zu einer Teamleistung, die von den Führungskräften gemeinsam erbracht wird.

Das bedeutet vor allem: An die Stelle starrer Ziele und Pläne tritt eine agile und zukunftsoffene Führung. Eine Führung, die auch die Vielfalt im Team nutzt. Unerwartete Situationen verlangen nach kreativen Lösungen, die einen einzelnen Menschen überfordern. Führung braucht deshalb „Mehrhirndenken“, bei dem unterschiedliche Köpfe zusammengeschaltet werden. In vielen Unternehmen ist das kein einfaches Unterfangen, denn der CEO muss jetzt gegenüber seinen Mitarbeitern einräumen: „Wir suchen gemeinsam eine Lösung, ich allein kann es nicht.“

Der postheroische Bergführer

Wenn ein Bergführer bei einem Wettersturz selbst die Orientierung verliert, wie reagiert er? Grundsätzlich hat er zwei Möglichkeiten: Er verlässt sich auf sein Gefühl und entscheidet sich für eine Variante – in der Erwartung, dass der eingeschlagene Weg richtig ist und er die ihm an-vertrauten Menschen unbeschadet aus der Gefahrenzone führt. Dies ist der Typus „Verwegener Kerl“, der allein nicht nur Wind und Wetter trotzt, sondern auch den härtesten Umständen standhält. Die zweite Möglichkeit: Er räumt seine Unsicherheit ein und bespricht sich mit den anderen Teilnehmern der Bergtour. Er fragt sie nach ihrer Meinung und bezieht deren Wissen in seine Entscheidung mit ein. Er bleibt als Typ ruhig, fragt seine Anvertrauten um ihre Meinung und zeigt ihnen auch, wie sie sich selbst eigenverantwortlich im schlechtesten Fall retten können. Gemeinsam bestehen sie das Abenteuer.

Die erste Reaktion steht für die heroische Führungskraft. Sie ist überzeugt, dass nur sie alleine über die Fähigkeiten verfügt, auch in einer unübersichtlichen Lage die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die zweite Reaktion illustriert hingegen die postheroische Führung: Der Unternehmenslenker erkennt an, dass er in einer komplexen und unsicheren Welt mit ständigen Überraschungen rechnen muss und die Dinge ganz anders als geplant laufen können. Deshalb beteiligt er seine Mitarbeiter an der Führung und leitet sie dazu an, ihre Potenziale zu entfalten und zum Vorteil des Unternehmens einzusetzen.