Der Tod, ein Tabu
Im Anfang war der Unterschied

Offen gesagt, wir haben lange überlegt diese Zeilen zu schreiben. Ganz persönlich!
Seit Wochen beschäftigt uns die Krise, persönlich und professionell. Wir wissen, dass wir privilegiert sind mit einem großen Garten, Kindern. Wir sprechen gezielt mit guten Freunden, Patienten und Klienten.

Irgendwann merken wir, es trennt sich etwas bei unseren Gesprächspartnern.

Die reflektiert 100 % Vorsichtigen mit vielem Argumenten.

Die reflektierten Skeptiker mit einem Stück Gelassenheit.

Besonders deutlich war das am Thema Norditalien: „Aber du hast doch die Bilder aus Bergamo gesehen“ versus „ sehr mediale Darstellung, hier wurde das Gesicht des Todes in die Medien gezerrt. Vieles ist typisch für Intensivstationen“.

Hypothese 1: Tod und Sterben, das ausgeblendete Thema in der modernen westlichen Gesellschaft.

Die Thematik wurde von einigen Gesellschafts-Denkern beleuchtet: Norbert Elias, Jean Baudrillard, Armin Nassehi et al.
Jeder der Autoren findet hier seine eigenen Worte: Es geht um die Meidung diese stark affektiv geladenen Themas, dem Jugendmythos, die Ausgrenzung aus der Kommunikation, die Tabuisierung des Verfalls und die Versuche, die Unabwendbarkeit des Todeseintritt durch moderne Medizintechnik so lange wie möglich hinauszuzögern. Der Tod wird damit zu einem individuellen Problem, in seiner extremsten Form im einsamen Sterben.

Auf einer Tiefenstruktur widerspricht der Tod dem ökonomischen Wachstumsprinzip als tragende Säule des Wirtschaftssystems (siehe auch den Beitrag von Prof.Reichel).

Es fehlen meist die Worte, um das auszudrücken, was Heraklit so ausdrückt:

Da sie geboren sind
nehmen sie auf sich
zu leben
und
den Tod zu haben

Und dann passierte meiner Frau und mir folgendes:
Wir sprachen ganz vorsichtig jeweils einzeln mit etwa zehn engen Kontakten und trugen unsere 1. Hypothese vor. Wir erhielten jeweils sehr persönliche und bewegende Erfahrungen mit dem Sterben, sei es der frühe Verlust enger Bezugspersonen, die bewusste Sterbebegleitung oder ein Eigenes an der Schwelle stehen.
Und allen war gemein, dass sie klar und gefasst wussten „wir alle werden sterben“ – aber das Leben ist wert es jede Sekunde bewußt und verantwortlich zu gelebt zu werden.

Dies führt zu der Hypothese 2:
Der persönliche Umgang mit der aktuellen Krise, die mentale Ausrichtung und die emotionale Reaktion ist stark durch die persönliche Integration des Themas Todes in die persönliche Biografie beeinflusst.

Dies macht die stark divergierenden und oft sehr emotionalen Reaktionen in der Kommunikation und in den Riskokalkülen verständlich.

Leider sind fast alle Religionsgemeinschaften in der Krise nicht nur im Home-Office sondern auch im sprachlichen Lockdown. Die Kirche als ExpertIn für Leben und Sterben, für Transzendenz und Immanenz.

An der Stelle noch ein kurzer Exkurs zu den unterschiedlichen Zugängen zum Thema Tod:
(Quelle u.a Francisco Varela:Traum, Schlaf und Tod, München 1998). Im Gegensatz zu unserer säkularisierten Kultur, in der alle Spuren von Tod, Dunkelheit und Sterben an den Rand geschoben werden, geht es im Christentum um etwas Paradoxes: Einerseits der Ansicht vom Menschenleben als ein Endliches, andererseits in Form der Auferstehungsgeschichte ein Eingehen in eine völlig andere Dimension.

Die vielleicht tiefste Beschäftigung mit dem Thema Tod findet im Buddhismus statt. Leben wird als die Grundlage von Bewusstsein definiert, sobald der Körper nicht mehr in der Lage ist ein Bewusstsein zu tragen, ist der Tod da. Es gibt über den Tod hinaus aber eine Bewusstseinsstrom. Hier ist der Tod nichts Schreckliches und oft Gegenstand einer Reihe von verbindenden Ritualen und Meditationspraktiken.

Das war in Zeiten der spanischen Grippe mit 50 – 100 Millionen Toten auch noch anders. Das Thema Krankheit war im Alltag präsent. Die Menschen hatten zum Tod eine völlig andere Einstellung. Er war häufiger Gast, man empfand weniger Angst vor ihm (Quelle: Die Spanische Grippe, Hanser Verlag).

Zur Robustheit, oder – um ein Wort aus der „Berater- Sprache“ zu nehmen – zur Resilienz gehört damit auch die bewusste, emotional und geistige Auseinandersetzung mit dem Thema Tod. Das ist der Unterschied, um in Ruhe und Gelassenheit, aber auch mit Kraft und Zuversicht diese und weitere erwartbare Krisen zu bestehen, mögliche rasende Stillstände oder Abgründe, gerade auch angesichts der Klima Thematik.

Die Frage ist: Was braucht es hier für Gesellschaft und die Individuum an neuen Praktiken?

Monika Pantele-Zimmermann
Lebensnahe aber strenge Sozialisierung auf dem elterlichen Bauernhof mit 3 Töchtern, früh Eintritt in ein selbstbestimmtes Leben, tätig im Medizinbereich, ihre Eltern mit 82 und 87 Leben sind noch aktiv und gehen mit stoischer Haltung auf ihrem Bauernhof durch die Krise.

Wolfgang Zimmermann
Lebens- und krisenerprobt als Führungskraft, Sparringspartner, Vater und aktiver Alpinist auch mal am Abgrund. Verlor seine beiden Eltern in den letzten Jahren unter bewegenden Momenten

Begegnet sind wir uns in einer Meditationsgruppe vor vielen Jahren, die Wege trennten sich, seit 7 Jahren sind wir verheiratet, zusammen 2 Töchter.